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Keine Blaupause: So funktioniert gute Litigation-Kommunikation

25. November 2020

„Auch Richter lesen Zeitung“ sagte ein ehemaliger Kollege von uns gerne, wenn er den versammelten Juristinnen und Juristen in der Runde erklärte, warum die rechtliche Einschätzung eines Streitfalls nicht allein die Strategie bestimmen darf. Noch heute gehört dieser Satz für uns zu den Leitgedanken unserer Kommunikationsarbeit bei rechtlichen Auseinandersetzungen. Im Laufe der Jahre sind ein paar weitere dazugekommen. Die wichtigsten: „Es bleibt immer etwas hängen.“ und „Nicht alles was legal ist, ist auch legitim.“

Es geht um Litigation-Kommunikation, und das ist nach unserem Verständnis bei Tsambikakis & Partner und in der Bernstein Group mehr als nur Pressearbeit und Streit vor Gericht oder mit Ermittlungsbehörden. 

Litigation-Kommunikation ist vor allem Krisenkommunikation, das kommunikative Management einer Sondersituation, in der andere Gesetze gelten als in „Friedenszeiten“. Wesentliche Bestandteile guter Litigation-Kommunikation sind strategische Planung, schnelle Reaktion, psychologisches Feingespür, profunde Kenntnis der juristischen Abläufe und journalistischen Herangehensweisen sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Juristen und Kommunikationsberatern, die gemeinsam die Interessen des Mandanten vertreten. Dazu kommt die ausgeprägte Fähigkeit, selbst komplexeste juristische Sachverhalte in eine anschauliche und anschlussfähige Erzählung zu überführen. Litigation-Kommunikation hat immer und jederzeit alle internen und externen Stakeholder einer juristischen Auseinandersetzung im Blick, nicht nur die Medien.

Wie funktioniert zeitgemäße Litigation-Kommunikation? Gemeinsam haben wir diese Frage im Herbst 2020 mit Studierenden an der Bucerius Law School diskutiert.

Das A&O: die gute Zusammenarbeit von Juristen und Kommunikatoren

Die wichtigste Voraussetzung guter Litigation-Kommunikation ist die offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Juristen und Kommunikationsberatern. In vielen Unternehmen herrscht bei juristischen Auseinandersetzungen jedoch noch immer die Devise „Comms follows Legal“. Diese Regel funktionierte schon in der Mediengesellschaft nicht, und seit Social Media zum Newsroom aller geworden ist, ist sie endgültig obsolet.

Beschuldigte haben im Gerichtssaal ein Aussageverweigerungsrecht, Zeugen ein Zeugnisverweigerungsrecht. Aus gutem Grund. Sie sollen sich nicht selbst belasten müssen. Doch im öffentlich-medialen Diskurs kommt ein „Kein Kommentar“ schon einem Schuldeingeständnis gleich. Juristische Argumentation und öffentlich-mediale Argumentation funktionieren also unterschiedlich. Sie dürfen sich nicht widersprechen. Sie müssen sich ergänzen und im Idealfall gegenseitig verstärken.

Viele Unternehmen haben juristische Siege bitter bezahlt, weil die juristische Strategie nicht eingepreist hatte, dass ein Sieg im Gerichtssaal nicht automatisch auch die Öffentlichkeit, also Kundinnen und Kunden, überzeugt. Kommunikationsverantwortliche in Unternehmen sollten nicht zögern, externe Berater bei Litigation-Themen hinzuzuziehen und so ihre Position im Unternehmen zu stärken, um ihren Einschätzungen mehr Gewicht zu verleihen.

Passiv- und Aktivseite

Idealerweise holen sich Kommunikationsverantwortliche Support schon ins Haus, bevor es brennt. Doch der Regelfall ist das nicht. Viele unserer Mandate beginnen auf der Passivseite: Ein Unternehmen ist mit einer Klage oder unangenehmen Presseanfragen konfrontiert, oder schlimmer noch mit einer Durchsuchungsaktion der Staatsanwaltschaft, sofort gefolgt von Schadensersatzansprüchen einer Aktionärsvereinigung. Dann ist unsere Aufgabe zunächst oft, Zeit zu gewinnen, eine schnelle Erstreaktion sicherzustellen, die Fakten schnellstmöglich zusammenzustellen und eine passende kommunikative und damit auch öffentliche Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Der größte Nachteil der Passivseite ist, dass der Gegner das Überraschungsmoment auf seiner Seite und den Ton gesetzt hat. Aber die Passivseite bietet auch Vorteile: Der Handlungsdruck ist groß, oft braucht es daher für Entscheidungen keine langwierigen Abstimmungsrunden.

Demgegenüber funktioniert die Arbeit auf der Aktivseite anders: Wir können auf das Überraschungsmoment zählen. Wir können etwa eine Strafanzeige durch eine exklusive Berichterstattung begleiten und ihr so mehr Wucht verleihen und selbst erste Fakten schaffen. Ein weiterer Vorteil der Aktivseite ist, dass wir Zeit haben, Szenarien und die mediale Dramaturgie zu planen. Juristen und Kommunikationsberater können die Stakeholder gemeinsam ordnen und die Planung dann Punkt für Punkt ausrollen

Es gibt keine Blaupause, kein richtig oder falsch

Doch gleich, ob Aktiv- oder Passivseite – gute Litigation-Kommunikation durchläuft im Regelfall immer wieder vier Tätigkeitsfelder:

1.  Intelligence

Die datengestützte Informationsbeschaffung ist die Grundvoraussetzung für erfolgreiche Litigation-Arbeit. Hierzu gehören Stakeholderanalysen, investigative Recherchen, Open Source Intelligence, kurz OSINT, Profiling (das Aufdecken von Hintergründen, Interessen, Zusammenhängen und Netzwerken) genauso wie die automatisierte und maschinelle Auswertung großer Datenmengen.

2.  Strategie

Die schlüssige Erklärung für das Handeln des Mandanten ist Kern der juristischen wie der medialen und damit öffentlichen Argumentation. Juristen machen die Pressetexte rechtssicher, und umgekehrt sehen Kommunikationsberater die juristischen Schriftsätze auf Stärken und Schwächen sowie auf Themen durch, die vielleicht im Gerichtssaal eine untergeordnete Rolle spielen, medial aber entweder gefährlich werden können oder Chancen bieten.

3.  Kommunikation

Die klassische Pressearbeit ist in den Verfahren, die wir gemeinsam begleiten, von zentraler Bedeutung, das Hintergrundgespräch, das Interview, der richtige Hinweis zum richtigen Zeitpunkt. Für unsere Mandanten übernehmen wir immer wieder auch selbst die Sprecherfunktion.

4.  Training

Und wir bereiten unsere Mandanten auf ihre Auftritte vor Gericht, Medien und Ausschüssen vor. Wir haben festgestellt, dass dies insbesondere für Beschuldigte und Zeugen von großer Bedeutung ist, denn sie befinden sich vor Gericht in einer persönlichen Ausnahmesituation, stehen unter Stress und reagieren oft mit Flucht- oder Kampfreflexen, die die eigene Position schwächen.

Der Blick auf die vier Arbeitsfelder zeigt, was gute Litigation-Kommunikation im Kern ausmacht: harte Arbeit, viel lesen und verstehen, viel zuhören und einordnen, und vor allem: viele Fragen stellen, also etwa: Welche Argumente haben wir auf unserer Seite? Wo sind unsere Schwachpunkte? Welchen Trumpf könnte der Gegner aus dem Ärmel ziehen? Welche juristischen Mittel stehen uns zur Verfügung? Wem nützt es, wenn bestimmte Informationen verbreitet werden? Wann müssen wir medial reagieren, wann nicht?

Wir haben schier endlos lange Fragelisten, anhand derer wir die uns anvertrauten Fälle erörtern. Blaupausen, was richtig und was falsch ist, gibt es jedoch nicht, weder im Gerichtssaal noch bei der Kommunikation.

Sie wollen mehr über Litigation-Kommunikation erfahren? Dann setzen Sie sich mit uns in Verbindung:

Kontakt: Ralf Kunkel (Bernstein Group)
Kontakt: Hans-Peter Huber (Tsambikakis & Partner)

 


Kontaktieren Sie uns:

 Hans-Peter Huber Hans-Peter Huber